Knienden nichts Einfacheres, als wieder die Knie der Dame zu umarmen. Der Dame Knie schwanken ebenfalls und nun sind beide, die gütige, schöne Dame, und der einfache arme Knabe, eine Umarmung, ein Kuß, ein Zusammensturz, eine Träne -- und was mehr ist: eine unerwartete schreckliche Überraschung für jemanden, der in diesem Augenblick die Türe des Zimmers öffnet, was sowohl der Süßigkeit von der beiden vergessener Liebe, als der Erzählung davon ein Ende bereitet. [Illustration] 4. Nun, ich besinne mich, daß einmal ein armer, von Stimmungen sehr gedrückter Dichter lebte, welcher, da er sich an der freien Gottesnatur satt gesehen hatte, auf den Entschluß kam, nur noch seine Phantasie dichten zu lassen. Er saß eines Abends, Mittags oder Morgens, um acht, zwölf oder zwei Uhr in dem dunklen Raum seines Zimmers und sagte zu der Wand desselben: Wand, ich habe dich im Kopf. Gib dir keine Mühe, mich mit deiner ruhigen seltsamen Physiognomie zu täuschen. Fortan bist du ein Gefangener meiner Phantasie. Hierauf sagte er dasselbe zu den Fenstern und zu der düstern Aussicht, welche ihm dieselben tagtäglich boten. Hernach unternahm er, von Abenteuerlust angefeuert, einen Spaziergang, welcher ihn durch Felder, Wälder, Wiesen, Dörfer, Städte, über Flüsse, Seen immer unter dem schönen Himmel führte. Aber zu Feldern, Wiesen, Wegen, Wäldern, Dörfern, Städten und Flüssen sagte er immerfort: Kerls, euch habe ich fest im Schädel. Bildet euch nicht länger ein, ihr Leute, daß ihr auf mich einen Eindruck macht. Er ging heim und lachte beständig vor sich hin: Ich habe sie alle, ich habe sie alle im Kopf. Also ist anzunehmen, daß er sie noch jetzt dadrinnen hat, wo sie (wie gerne wollte ich ihnen helfen) nicht mehr hinauskommen. Ist das nicht eine phantasievolle Geschichte??? [Illustration] 5. Es war einmal ein Dichter, der so verliebt in den Raum seines Zimmers war, daß er den ganzen Tag über in seinem Lehnstuhl saß und die Wände anbrütete, die vor seinen Augen lagen. Er entfernte die Bilder von diesen Wänden, um durch keinen zerstreuenden Gegenstand gestört und verleitet zu werden, irgend etwas anderes zu betrachten, als die kleine, fleckige, unfreundliche Wand. Man kann nicht sagen, daß er den Raum mit Absicht studierte, sondern man muß gestehen: Er lag ohne einen Gedanken in den Banden einer grundlosen Träumerei, in welcher seine Stimmung weder lustig noch traurig, weder munter noch melancholisch, sondern so kalt und gleichgültig wie die eines Wahnsinnigen war. Er verbrachte drei Monate in diesem Zustande und an dem Tage, mit welchem der vierte beginnen sollte, konnte er sich nicht mehr von seinem Platze erheben. Er war festgeklebt. Das ist etwas Sonderbares und es liegt Unwahrscheinlichkeit in dem Versprechen des Erzählers, der beteuert, daß sogleich noch Sonderbareres folgen soll. Zu dieser Zeit nämlich suchte ein Freund unseres Dichters den Dichter in seinem Zimmer auf und fiel, wie er dasselbe betrat, in dieselbe schwermütige oder lächerliche Träumerei, in welcher der erste gefangen lag. Einige Zeit nachher widerfuhr einem dritten Verse- oder Romanschreiber, der kam, um nach seinem Freunde zu sehen, das gleiche Unglück, in welches nacheinander sechs Dichter fielen, die alle kamen, um sich nach dem Freunde zu erkundigen. Nun sitzen alle sieben in dem kleinen, dunklen, düsteren, unfreundlichen, kalten, kahlen Raum und draußen schneit es. Sie kleben an ihren Sitzen und werden wohl nie wieder eine Naturstudie machen. Sie sitzen und starren, und das freundliche Gelächter, welches diese Geschichte belohnt, ist nicht imstande, sie aus ihrem traurigen Bann zu erlösen. Gute Nacht. [Illustration] 6. Der schöne Platz Die Geschichte, obschon ich an ihrer Wahrscheinlichkeit zweifle, hat mir, als man sie mir erzählte, viel Freude bereitet; und ich gebe sie, so gut ich kann, hier zum...
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Daniel Young
1 year agoI started reading out of curiosity and it creates a vivid world that you simply do not want to leave. This story will stay with me.